Roter Panda im Tierpark: Ein Jungtier und viele schwierige Entscheidungen

Eigentlich sollte es eine schöne Nachricht werden: Der Tierpark Berlin wollte den Namen seines Roten-Panda-Jungtiers bekannt geben. Doch dann starb Mutter Rosie unerwartet. Ihr Jungtier ist in den ersten Lebenswochen auf Muttermilch und intensive Fürsorge angewiesen. Nun übernimmt das Tierpflege-Team die Aufzucht – mit ungewissem Ausgang.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer lässt vorsichtig positiv in die Zukunft blicken, denn das Jungtier trinkt inzwischen aus der Flasche. Wie anspruchsvoll die Handaufzucht ist und vor welche schwierigen Entscheidungen das Tierpark-Team steht, erklärt der zuständige Kurator Martin Kränzlin.
Redaktion: Herr Kränzlin, wie geht es dem Roten-Panda-Jungtier aktuell? Dass es inzwischen aus der Flasche trinkt, stimmt vorsichtig optimistisch. Wie wichtig ist dieser Schritt, und worauf kommt es jetzt an?
Martin Kränzlin: Wichtig ist zunächst zu verstehen, dass Rote Pandas keine ausgesprochen sozial lebenden Tiere sind. Das Jungtier kennt bisher nur seine Mutter. Dass nun fremde Menschen die Versorgung übernehmen, ist für sie eine ungewohnte Situation, an die sie sich erst gewöhnen muss. Auch wenn so ein kleines, flauschig aussehendes Tier mit seinen großen Ohren besonders niedlich wirken mag, sollte man nicht vergessen, dass Rote Pandas scharfe Krallen und kräftige Kiefer mit spitzen Zähnen haben. Beim Umgang mit dem Jungtiersind deshalb dicke Schutzhandschuhe unerlässlich. Das Jungtier an die Flasche zu gewöhnen, ist unter diesen Umständen durchaus anspruchsvoll. Umso mehr freut es uns, dass uns das bereits nach wenigen Tagen gelungen ist und sie inzwischen sehr zuverlässig aus der Flasche trinkt.
So eine Handaufzucht verleitet schnell dazu, ein Jungtier zu vermenschlichen. Sie ist ein Wildtier, und das soll sie auch bleiben. Bei einer zu engen Bindung an den Menschen besteht die Gefahr einer Fehlprägung, bei der die natürliche Distanz zum Menschen verloren geht. Wir achten deshalb sehr bewusst darauf, den direkten Kontakt auf ein notwendiges Maß zu beschränken. Wir nehmen nur zum Füttern und Wiegen Kontakt mit ihr auf und versuchen, Körperkontakt so weit wie möglich zu vermeiden. Ansonsten beobachten wir sie nur mithilfe einer Kamera.
Redaktion: Warum hat sich der Tierpark entschieden, das Jungtier mit der Flasche aufzuziehen? Welche Alternativen gab es, etwa die Versorgung durch ein anderes Roter-Panda-Weibchen?
M.K.: Rote Pandas werden von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als stark gefährdet eingestuft. In Europa haben wir eine Reservepopulation des Westlichen Kleinen Pandas. Unser Ziel ist es, eine möglichst genetisch vielfältige Population zu erhalten, um neben Bildung und Forschung natürlich vor allem langfristig auch die Population im natürlichen Lebensraum zu erhalten. Unser Zuchtpaar ist genetisch sehr wertvoll, und die Jungtiere werden im europäischen Zuchtprogramm dringend benötigt. Wir haben deshalb sorgfältig geprüft, welche Aufzuchtform unter den gegebenen Umständen die besten Erfolgsaussichten bietet. Im Tierpark lebt noch eine weitere Gruppe weiblicher Roter Pandas. Das Jungtier mit einem dieser Weibchen zusammenzubringen, ist aber keine Option, da eine Annahme nicht zu erwarten war und das Jungtier bei einer solchen Zusammenführung eher verletzt worden wäre. Auch eine Ammenaufzucht in einer anderen zoologischen Einrichtung erschien wenig erfolgversprechend. Rote Pandas kalkulieren ihre Ressourcen sehr genau. Die Aufnahme eines fremden Jungtiers wäre daher mit erheblichen Risiken verbunden gewesen. Was bei anderen Tierarten, etwa Hunden oder Katzen, unter bestimmten Umständen funktionieren kann, hätte hier höchstwahrscheinlich zu einem schnellen Tod des Jungtiers geführt.
Eine Handaufzucht ist aus den genannten Gründen heikel und ihr Erfolg lässt sich nicht garantieren. Unter den gegebenen Umständen bietet sie dem Jungtier jedoch die beste Überlebenschance. Wir können dabei auf ein erfahrenes Team aus der Tierpflege, Veterinärmedizin und Biologie zurückgreifen, das sich mit großem persönlichem Einsatz engagiert. Und bisher stimmt uns die Entwicklung des Jungtiers recht zuversichtlich.
Redaktion: Wie geht es jetzt weiter? Welche Ziele stehen für das Jungtier in den nächsten Tagen und Wochen im Vordergrund?
M.K.: Die ersten wichtigen Schritte sind gemacht. Jetzt geht es darum, eine verlässliche Fütterungsroutine zu etablieren und sicherzustellen, dass das Jungtier weiterhin ausreichend Nahrung aufnimmt und kontinuierlich an Gewicht zunimmt. Rote Pandas werden von ihrer Mutter in der Regel fünf bis sechs Monate gesäugt. Es liegt also noch ein Stück Weg vor uns. Gleichzeitig beginnen wir damit schrittweise feste Nahrung einführen. Bambus - die wichtigste Nahrungsquelle der Roten Pandas - unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung und Beschaffenheit deutlich von Milch, deshalb ist diese Umstellung ein sehr sensibler Schritt. Bisher ist die Milch für das Jungtier natürlich noch attraktiver als Bambus. Wie sich die Entwicklung in den kommenden Wochen gestaltet, bleibt abzuwarten.
Redaktion: Vielen Dank!


