Drei Fragen an…

...Dr. Andreas Pauly

Hinter den Kulissen moderner zoologischer Einrichtungen schlägt ein hochspezialisiertes Herz: die Zootiermedizin. Sie ist eine tragende Säule des weltweiten Artenschutzes, denn hier bündelt sich eine geballte medizinische Expertise, die nicht nur für die tierischen Schützlinge vor Ort, sondern auch für die Forschung und Wissenschaft weltweit von unschätzbarem Wert ist. Nirgendwo sonst lassen sich Wildtierarten so intensiv und kontrolliert untersuchen wie in menschlicher Obhut. Das hier gewonnene Wissen über Heilungsmethoden, Narkoseverfahren und Wildtierbiologie kann die entscheidenden Puzzleteile liefern, um Tierarten weltweit zu retten.

Wir haben mit Dr. Andreas Pauly, Leiter der Abteilung Tiergesundheit, Tierschutz und Forschung der Zoologischen Gärten Berlin, gesprochen. Er rettete 2009 mit einem weltweit historisch erstmaligen Kaiserschnitt das Leben einer Przewalski-Stute – deren Tochter Tessa nun im Sommer 2026 für eine biologische Sensation in der kasachischen Steppe gesorgt hat.

Redaktion: Herr Dr. Pauly, im August 2026 wurde in Zentral-Kasachstan das erste wilde Przewalski-Fohlen seit rund 200 Jahren geboren – und die Mutter ist die in Berlin geborene Stute Tessa. Für Sie muss das ein besonderer Moment sein, oder?

Dr. Andreas Pauly: Das ist es in der Tat. Tessas Mutter ist die Stute Tibeta. Im Jahr 2009 stand ich bei ihr vor einer großen tiermedizinischen Herausforderung; eine Schwergeburt. Das damalige Fohlen von Tibeta war bereits tot und verkeilt, die Geburtswege massiv geschwollen. Als letzte Rettung von Tibeta blieb nur ein Kaiserschnitt in der Flanke – eine Operation, die bis dato noch nie bei einem Przewalski-Pferd dokumentiert worden war. Wir haben damals über fünf Stunden lang um Tibetas Leben gekämpft. Sie hat überlebt, wurde wieder völlig gesund und brachte am 21.04.2019 Tessa im Tierpark zur Welt. Dass genau diese Tochter Jahre später im Rahmen unseres Auswilderungsprojekts per tschechischem Militärflugzeug nach Kasachstan reist und dort nun das erste Fohlen in der Wildnis zur Welt bringt, schließt den Kreis. Ohne den damaligen medizinischen Einsatz gäbe es Tessa und ihr Fohlen heute gar nicht.

Redaktion: Der Kaiserschnitt bei Tibeta war der erste überhaupt bei einem Przewalski-Pferd. Wie bereitet man sich als Zootierarzt auf eine Operation vor, die so noch in keinem Lehrbuch steht, und wie sieht der OP-Alltag bei solchen Wildtieren generell aus?

Dr. Andreas Pauly: Das ist die Faszination und gleichzeitig die größte Last unseres Berufs: Man kann bei Wildtieren selten nach „Schema F“ arbeiten. Als der natürliche Geburtsversuch scheiterte, wussten wir, dass nur ein operativer Eingriff übrigblieb, um das Leben der Stute zu retten. Zur Vorbereitung nutzen wir die Anatomie des Hauspferdes, müssen aber den extremen Stressfaktor der Wildtiere einkalkulieren. In einer Zootierklinik ist alles eine Nummer größer und riskanter. Allein die Narkose über dreieinhalb Stunden stabil zu halten, während das Tier auf einer riesigen Gummimatte liegt, erfordert absolute Präzision. Dass wir solche Eingriffe meistern und das Wissen danach in Fachpapers publizieren, macht unsere Kliniken zu medizinischen Forschungszentren. Jede erfolgreiche OP im Zoo erweitert die Grenzen der weltweiten Tiermedizin.

Redaktion: Das „Return of the Wild Horses“-Projekt ist auf Jahrzehnte angelegt. Wenn Sie auf die kommenden Herausforderungen in der rauen Steppe Kasachstans schauen – inwiefern ist diese langfristige Überwindung von Artenschutzkrisen das beste Beispiel für das wahre Potenzial, das moderne Zoos heute weltweit einbringen können?

Dr. Andreas Pauly: Dieses Projekt zeigt perfekt, dass moderne Zoos heute globale Rettungsstationen und Forschungszentren sind. Die Geburt der Fohlen im Sommer 2026 war ein Meilenstein. Doch weitere Herausforderungen stehen bevor. Wir müssen aus diesen wenigen Tieren eine stabile, sich komplett selbst tragende Population formen, die in der Altyn-Dala-Steppe bei bis zu -40 Grad völlig ohne den Menschen überlebt. Aber genau das ist das größte Potenzial zoologischer Einrichtungen. Wir sind Teil eines internationalen Experten-Netzwerks zusammen mit Partnern wie dem Zoo Prag, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Die Herde wird nun über tausende Kilometer via Telemedizin und GPS-Halsbänder betreut. Unsere gemeinsame Arbeit endet erst, wenn die Wildpferde als Landschaftspfleger ihre Rolle im Ökosystem wieder voll einnehmen.

Redaktion: Vielen Dank!

© Fotos: ACBK // Tierpark Berlin

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