Bring Back Blue: Die Rückkehr des Vietnamesischen Fasans

Der Vietnamesische Fasan zählt zu den seltensten Vogelarten der Welt. In seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in Zentralvietnam gilt er heute als in der Natur ausgestorben. Dass die Art dennoch erhalten werden konnte, ist dem jahrzehntelangen Engagement zoologischer Einrichtungen und engagierter Privathalter im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) zu verdanken. Aus einer kleinen Reservepopulation konnte nun erstmals eine Gruppe von 20 Vietnamesischen Fasanen nach Vietnam gebracht werden. Dies ist ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg, die Art langfristig wieder in ihrem ursprünglichen Lebensraum anzusiedeln. Bevor eine spätere Auswilderung möglich ist, sollen die Tiere zunächst in einem geschützten Zuchtzentrum für Nachwuchs sorgen und so die Grundlage für den Wiederaufbau einer stabilen Population schaffen.
Matthias Papies, Kurator im Tierpark Berlin, begleitete den Transport der Tiere persönlich bis nach Vietnam.
Herr Papies, Sie haben die ersten 20 Vietnamesischen Fasane persönlich auf ihrer Reise nach Vietnam begleitet. Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Tiere schließlich im Flugzeug waren?
Matthias Papies: Das war ein ganz besonderer Moment. Natürlich war da zunächst eine gewisse Anspannung, denn wir hatten mit allen Abstimmungen eingerechnet dreieinhalb Jahre auf diesen Tag hingearbeitet. Gleichzeitig wurde einem bewusst, welche Bedeutung dieser Transport hat. Diese 20 Tiere sind bilden den Grundstein für den Wiederaufbau einer Art, die in ihrem natürlichen Lebensraum vermutlich bereits ausgestorben ist. Während des gesamten Fluges stand für uns das Wohl der Tiere an erster Stelle. Wir haben sie regelmäßig kontrolliert und uns vergewissert, dass alle die Reise gut verkraften. Als ich dann im Flugzeug saß und wusste, dass wir tatsächlich auf dem Weg nach Vietnam sind, wurde mir noch einmal bewusst, dass wir gerade Teil eines ganz besonderen Kapitels im internationalen Artenschutz sind. Viele Kolleginnen und Kollegen in Zoos, Naturschutzorganisationen und Zuchtprogrammen haben über Jahrzehnte daran gearbeitet, diesen Moment möglich zu machen. Dass ich die Tiere auf diesem wichtigen Abschnitt ihrer Reise begleiten durfte, war für mich eine große Ehre.
Die Reise führte von Berlin über Frankfurt bis nach Vietnam und war mit zahlreichen organisatorischen Herausforderungen verbunden. Was war die größte Herausforderung?
M.P.: Ein solcher Tiertransport beginnt lange vor dem eigentlichen Flug. Die Tiere wurden sorgfältig ausgewählt, Gesundheitsuntersuchungen wurden durchgeführt und zahlreiche Dokumente mussten vorbereitet werden – von den CITES-Papieren bis zu den veterinärmedizinischen Bescheinigungen. Auch bei der Einreise nach Vietnam mussten alle Unterlagen geprüft werden, was einige Zeit in Anspruch genommen hat.
Während der gesamten Reise war es uns wichtig, jederzeit sicherzustellen, dass es den Tieren gut geht. Nach der Ankunft in Ho-Chi-Minh-Stadt folgte die letzte Etappe nach Phú Quốc. Insgesamt waren wir rund drei Tage unterwegs. Umso größer war die Erleichterung, als schließlich alle 20 Fasane gesund und wohlbehalten ihr Ziel erreicht hatten. Das war der schönste Moment der gesamten Reise und gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass das Projekt erfolgreich weitergeführt werden kann. Um das sicherzustellen, war es wichtig, die Tiere während der Reise regelmäßig zu kontrollieren, zu füttern und zu tränken
Nach der Ankunft wurden die Tiere zunächst in Quarantäne untergebracht und paarweise zusammengestellt. Warum ist dieser Schritt so entscheidend für den langfristigen Erfolg?
M.P.: Mit der Ankunft in Vietnam war das Projekt eigentlich erst am Anfang. Nach der langen Reise brauchen die Tiere zunächst Zeit, sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen. In der Quarantäne werden sie weiter intensiv betreut und können sich in Ruhe eingewöhnen. Gleichzeitig wurden die zehn Weibchen und zehn Männchen bereits nach den Empfehlungen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms zu Paaren zusammengestellt. Dabei spielen genetische Gesichtspunkte eine entscheidende Rolle, denn Ziel ist es, eine möglichst vielfältige und gesunde Population aufzubauen. Die Nachzucht dieser Tiere bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte. Erst wenn sich stabile Bestände entwickelt haben und geeignete Lebensräume dauerhaft geschützt sind, kann perspektivisch die Auswilderung beginnen. Genau deshalb ist Geduld ein so wichtiger Bestandteil erfolgreicher Artenschutzarbeit.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft dieses Projekts – und wenn Sie in zwanzig Jahren noch einmal nach Vietnam reisen, was würden Sie sich dort wünschen vorzufinden?
M.P.: Hoffentlich reise ich schon früher wieder nach Vietnam. Ich wünsche mir vor allem, dass sich die Tiere hier in Vietnam erfolgreich vermehren und wir Schritt für Schritt eine stabile Population aufbauen können. Die Arbeit beginnt jetzt eigentlich erst richtig. Die Fasane müssen gut gehalten werden, sie müssen Nachwuchs bekommen und gleichzeitig müssen die geeigneten Lebensräume geschützt werden, damit eine spätere Rückkehr in die Natur überhaupt möglich ist.
Wenn ich in zwanzig Jahren noch einmal nach Vietnam reisen würde, wäre mein größter Wunsch, wieder Vietnamesische Fasane in den Wäldern Zentralvietnams beobachten zu können. Ich bin auch optimistisch, dass uns das mit den Projektpartnern zusammen gelingt. Was mich an diesem Projekt besonders beeindruckt, ist die Zusammenarbeit vieler verschiedener Partner, immer mit Hinblick auf ein gemeinsames Ziel. Genau diese internationale Zusammenarbeit macht solche Projekte möglich; Artenschutz ist Teamarbeit. Der Weg ist noch lang, aber dieses Projekt zeigt, dass Artenschutz wirklich etwas bewirken kann: Der Vietnamesische Fasan hat eine zweite Chance bekommen.
Foto Fasan-Titelbild: © Tierpark Berlin / Jon A. Juárez




