Ein historischer Moment: Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der kasachischen Altyn-Dala-Steppe ist am 22. August erstmals seit rund 200 Jahren wieder ein Przewalski-Fohlen auf zentralkasachischem Boden geboren worden. Das männliche Fohlen ist der erste Nachwuchs der Wildpferde, die im Rahmen des internationalen Wiederansiedlungsprojekts in ihre ursprüngliche Heimat zurückgebracht wurden. Seine Mutter ist die siebenjährige Stute Tessa, die in Berlin geboren wurde und vor zwei Jahren aus dem Tierpark Berlin nach Kasachstan reiste. Für Tessa ist es der erste Nachwuchs. Möglich wurde dieser Erfolg durch die langjährige Zusammenarbeit von zoologischen Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Forschungsinstituten und politischen Institutionen über europäische Grenzen hinaus.
Und es blieb nicht bei einer Geburt. In der letzten Augustwoche kam ein zweites Fohlen zur Welt. Seine Mutter Umbra wurde ebenfalls 2024 aus Berlin nach Kasachstan gebracht. Beide Stuten gehörten zu den ersten sieben Przewalski-Pferden, die unter Leitung des Zoo Prag im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ per tschechischem Militärflugzeug nach Kasachstan transportiert wurden. Beide Fohlen sind wohlauf und standen bereits kurze Zeit nach der Geburt auf eigenen Beinen. Die Jungtiere werden nun gemeinsam mit der Herde in der weitläufigen Steppe aufwachsen - in einem Lebensraum, aus dem Przewalski-Pferde rund 200 Jahre lang verschwunden waren. „Die Geburt des ersten Fohlens ist das Ergebnis einer enormen Menge an Arbeit, die lange vor der Ankunft der Pferde in Kasachstan begonnen hat“, sagte Vera Voronova, Direktorin der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK). „Die Vorbereitung des Geländes und der Infrastruktur, die Organisation der komplexen Logistik für den Transport der Tiere, ihre Eingewöhnung sowie die tägliche Überwachung und Versorgung durch Fachleute, all dies war entscheidend, damit sich die Pferde erfolgreich an ihre neue Umgebung anpassen konnten. Nun steht eine neue Aufgabe vor uns, denn wir müssen das Wachstum und die Entwicklung der ersten in Kasachstan geborenen Przewalski-Pferde beobachten. Wir hoffen, dass diese erste Generation den Grundstein für eine sich selbst erhaltende Population legen wird.“
Das Przewalski-Pferd gilt als das letzte noch lebende echte Wildpferd. Nachdem die Art in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wildnis ausgestorben war, überlebte sie nur dank internationaler Zuchtprogramme in Zoos. Heute soll sie im Rahmen des Projekts „Return of the Wild Horses“ unter der Leitung des Zoo Prag wieder dauerhaft in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. In der Mongolei und China ist dies bereits erfolgreich gelungen. Kasachstan ist damit das dritte Land, in dem Przewalski-Pferde wieder in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. Die ersten sieben Przewalski-Pferde aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo Prag erreichten Kasachstan 2024. 2026 kamen vier Stuten aus Nürnberg, dem Marwell Zoo in Großbritannien und dem Tierpark Berlin sowie vier Hengste aus dem Zoo Prag in Kasachstan an. Im Wiederansiedlungszentrum Alibi, bei deren Bau die tierhalterische Expertise von Zoos eingeflossen ist, wurden sie zunächst in großzügigen Akklimatisierungsgehegen untergebracht. Dort konnten sie sich ein Jahr lang an das Klima, die Landschaft und die natürlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat gewöhnen. Temperaturen von bis zu -40 Grad und die raue Umgebung der kasachischen Steppe stellen besondere Anforderungen an die Tiere. „Dass nach Jahrhunderten wieder ein Przewalski-Fohlen in Zentralkasachstan geboren wurde, ist ein wichtiger und zugleich sehr freudiger Meilenstein“, sagt Lenka Poliaková, Direktorin des Zoo Prag. „Es ist nur einer von vielen Schritten auf dem Weg zu einer erfolgreichen Wiederansiedlung dieser Art in der Altyn-Dala-Steppe. Aber es ist ein Meilenstein, der unbedingt notwendig ist. Nachrichten wie die Geburt dieses Fohlens geben allen, die an diesem Projekt beteiligt sind, neue Energie, diesen Weg weiterzugehen.“
„Die Geburt dieses Fohlens zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn zoologische Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Wissenschaft und Behörden langfristig zusammenarbeiten“, betont auch Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark Berlin. „Sie motiviert uns, unsere Arbeit konsequent fortzuführen. Denn der größte Erfolg im Artenschutz ist nicht die erfolgreiche Zucht in menschlicher Obhut, sondern wenn eine Art wieder dort leben kann, wo sie ursprünglich zu Hause war.“
Anne Dohrmann, Projektbeauftragte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, erinnert sich: „Als vor rund zwei Jahren die ersten Wildpferde wieder ihre Hufe in die kasachische Steppe setzten, sehnten wir den Tag herbei, an dem hier das erste Fohlen geboren wird. Heute ist diese Vision Wirklichkeit geworden. Für unser gesamtes Team ist dies ein sehr emotionaler Moment, der Hoffnung gibt. Die beiden Fohlen sind der lebendige Beweis dafür, dass wir gemeinsam Großes schaffen können, für die Wildpferde und für das Ökosystem von Altyn Dala.“ Die ZGF engagiert sich seit 20 Jahren in Zentralkasachstan und ist Gründungsmitglied der „Altyn Dala Conservation Initiative“.
Das Wiederansiedlungsprojekt ist zugleich Teil dieser Initiative und in einen umfassenden Ansatz zur Wiederherstellung der zentralasiatischen Steppenökosysteme eingebettet, zu dem auch die Erholung der Saigaantilopenbestände gehört. Als große Pflanzenfresser tragen Przewalski-Pferde dazu bei, die Landschaft offen zu halten, Samen zu verbreiten und Lebensräume für zahlreiche weitere Arten zu schaffen. Darüber hinaus können sie dazu beitragen, die Ausbreitung von Bränden in der Steppe zu begrenzen. Durch ihr Grasen halten sie die Grasvegetation kurz und reduzieren so potenziell die Menge an brennbarem Pflanzenmaterial. Neben den Przewalski-Pferden engagiert sich die Initiative auch für die Wiederansiedlung einer weiteren wichtigen Weidetierart, die aus der zentralkasachischen Steppe verschwunden war: des Asiatischen Esels, auch Kulan genannt.
Die Wiederansiedlung der Przewalski-Pferde in Kasachstan ist eine Kollaboration zwischen dem Forst- und Wildtierkomitee des kasachischen Ministeriums für Ökologie und natürliche Ressourcen, dem Zoo Prag, der Association for the Conservation of Biodiversity of Kazakhstan (ACBK), der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), dem Tierpark Berlin, dem Tiergarten Nürnberg und dem Hortobágy-Nationalpark. Wissenschaftlich und veterinärmedizinisch wird das Projekt unter anderem durch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) begleitet.
© Kanat Batyrkhanuly / ACBK // Albert Salemgareyev / ACBK




