Der Tierpark Berlin als Lernort

Der Tierpark ist ein Ort der Vielfalt. Er ist nicht nur eine Arche für bedrohte Tiere, sondern auch ein Ort an dem Menschen Tieren begegnen können, sie kennen und lieben lernen und mehr über ihre natürlichen Lebensräume und dessen Bedrohung erfahren. Die stellvertretende Leiterin der Tierparkschule Adrienne Bienasch blickt mit uns in diesem Interview zurück auf die Anfänge der Tierparkschule und erklärt, welche Rolle Bildung im Tierpark damals spielte und wie der Tierpark seinen Bildungsauftrag heute gestaltet.

Frau Bienasch, seit wann gibt es die Tierparkschule?

Die Tierparkschule wurde als Pädagogische Abteilung 1965 unter Prof. Dr. Dr. Dathe gegründet. Der erste Leiter war Studienrat Dipl.-Landwirt Fritz Zwirner. Ursprünglich war sie in einem Wohnhaus am Rand des Tierparks an der Alfred-Kowalke-Straße angesiedelt. Später war sie in der Alten Wache am Schloss untergebracht und nach einer weiteren Zwischenstation zog sie 2015 schließlich in das ehemalige Wohnhaus der Familie Dathe. Ein Gründungsgrund für die Tierparkschule war unter anderem, die theoretische Ausbildung der Tierpflege von Leipzig nach Ost-Berlin zu holen. Auch die Nachfrage nach Führungen an einem außerschulischen Lernort war bereits damals groß und so konnten im Jahr 1967 schon 68 Schulklassen geführt werden. Ein Jahr später wurde die Tierparkschule personell weiter ausgebaut und wurde durch vier Tierparkpädagogen unterstützt. Diese hatten sich zur Hauptaufgabe gemacht, den lehrplangebundenen Unterricht durch den Einsatz lebendiger Anschauungsmittel zu unterstützen und sachkundige Führungen für Erwachsene anzubieten. Ebenso sollte der Jugendclub weiter ausgebaut werden, der bereits im Jahr 1963 ehrenamtlich gegründet wurde. 


Ferienprogramme, Sonntagsspezialführungen sowie Tierparaden und Lichtbildvorträge wurden im Jahr 1969 ins Programm der Tierparkschule aufgenommen und die Schulführungszahlen stiegen an auf 451. Seit den 1970er Jahren steigen die Führungszahlen jährlich stetig an.

Welche Bedeutung hatte Bildung in der Geschichte des Tierparks?

Bildung war schon immer ein wichtiger Teil des Tierparks. Schon zu Dathes Zeiten war die Tierparkschule ein wichtiger außerschulischer Lernort und wurde vor allem bekannt durch seinen sehr beliebten und traditionsreichen Jugendclub, dem viele interessierte Kinder und Jugendliche, aber auch Biologen und Zoologen als Kinder angehörten. Noch heute sind viele Menschen Stolz darauf, ein Teil des Jugendclubs gewesen zu sein. Nach einigen Hochs und Tiefs hat sich die Tierparkschule immer weiterentwickelt und neue Angebote im didaktischen, pädagogischen und zoologischen Bereich anbieten können.  

Seit Dr. Knieriem Direktor des Tierparks ist, ist die Bedeutung der Tierparkschule und ihres Führungsangebotes weiter gestiegen. Ebenso wird seither die Umgestaltung des pädagogischen Bildungsprogramm des Tierparks vorangetrieben und immer weiter ausgebaut. In Zusammenarbeit mit der iMINT-Akademie der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie wurden in der Tierparkschule drei Lehrkräfte abgeordnet und unterstützen seither die Mitarbeiter der Tierparkschule im konzeptionellen Bereich, aber auch bei den schulpädagogischen Führungen. Durch den Umzug in das alte Wohnhaus der Familie Dathe nahe der Bisons und Wisente konnte sich die Tierparkschule auch räumlich vergrößern. Für eine anschauliche und artgerechte Tierhaltung im Heimtierbereich zogen im Jahr 2016 auch die ersten Bewohner, ein Wieselmeerschweinchen namens Frau Müller und die Dornenschwanz-Agame Uwe-Uwe ein, der Tierbestand hat sich seit dem vergrößert. Der weitläufige Garten der Tierparkschule lässt nicht nur in den Sommerferien indische Nächte in den Tierpark einziehen, sondern wird seit einiger Zeit auch didaktisch weiterentwickelt. Nach Entstehung eines Barfußpfades und des ersten „Grünen Klassenzimmers“ ist ein spannender und naturnaher Gartenlehrpfad geplant, der verschiedene Klassenstufen ansprechen soll.

In welcher Form nimmt die Tierparkschule den Bildungsauftrag des Tierparks heute wahr?

Die Tierparkschule ist ein grüner, außerschulischer Lernort inmitten des größten Landschaftstiergartens Europas. Bei Schulführungen erfahren SchülerInnen der Klassenstufen 1 bis 13 auf interaktive Weise Spannendes aus der faszinierenden Welt der Tiere. Dabei ist jede Führung ähnlich einer Unterrichtseinheit konzipiert und orientiert sich an den Berliner Lehrplänen. Die Themen sind jahrgangsbezogen. 

Mit mehr als 65 verschiedenen Führungsangeboten lässt die Tierparkschule nach dem Motto „Man schütz nur was man kennt“ bei den Teilnehmern eine Verbundenheit zur Biologischen Vielfalt entstehen. Durch die Kombination verschiedener Themen wie Biologie, Ökonomie, Politik, Kultur und Geografie schafft die Tierparkschule ein komplexes Verständnis für die Ursachen des Biodiversitätsverlustes und erreicht oft ein entsprechendes Umdenken. 

Das Thema Artenschutz ist Teil jeder Führung. Bei Aspekten wie Massentierhaltung, Artensterben, Konsumverhalten oder Klima stellt die Tierparkschule nicht nur den Ist-Zustand dar, sondern erarbeitet mit den SchülerInnen zusammen Lösungsansätze für die Frage „Was kann ich selber tun?“. 

Die einzigartige Nähe zu vor allem exotischen Tieren ermöglicht es den SchülerInnen sowohl fachlich-biologische, als auch soziale und emotionale Erfahrungen zu sammeln und so auf (ein-)prägende Weise naturwissenschaftliche Kenntnisse zu erlangen. Neben den Schulführungen werden auch Kita- und Hortgruppen durch spezielle Führungen an die Tierwelt herangeführt. Der Jugendclub bietet zusätzlich Schulkindern die Möglichkeit, sich auch in ihrer Freizeit wissenschaftlich weiterzubilden. Ebenso werden Kinder im Alter von 5-15 Jahren bei privaten Kinder- oder Kindergeburtstagsführungen oder im regelmäßig stattfindendem Ferienprogramm an eine nachhaltige Denkweise herangeführt. 

Von der Lieblingstierfütterung über individuelle Touren bis zu Abendspaziergängen bietet die Tierparkschule ebenfalls ein großes Angebot für Erwachsene.

Wenn wir über das Lernen und Lehren sprechen, ist auch das Thema Wissenschaft und Forschung nicht weit. Welche Rolle spielt wissenschaftliche Forschung im Tierpark?

Forschung ist eine der vier Hauptaufgaben Zoologischer Gärten. In Zoos werden viele Tierarten gehalten, über die aus dem natürlichen Lebensraum kaum etwas bekannt ist oder bekannt war. Bestimmte Forschungsfragen eignen sich hervorragend, um sie in Zoologischen Gärten zu untersuchen, da die Tiere dort leicht rund um die Uhr unter definierten Bedingungen beobachtet werden können. So ist der Tierpark ein wichtiger Partner großer Forschungsinstitute wie dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) - das übrigens von Prof. Dathe gegründet wurde und lange Zeit zum Tierpark gehörte - und der Universitäten in Berlin, Deutschland und sogar Europa. Unzählige Abschlussarbeiten wurden hier geschrieben, so dass der Tierpark seit seiner Gründung bis heute einen wichtigen Beitrag bei der Ausbildung von Zoologen und Veterinären spielt und die Neugier für die faszinierende Welt der Tiere in die nächste Generation trägt. 

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