Der Tierpark Berlin als Arche

Der Tierpark ist ein Ort der Vielfalt. Er ist nicht nur ein Zufluchtsort für Menschen auf der Suche nach einem Naturerlebnis mitten in der Großstadt, sondern auch ein sicheres Zuhause für Tierarten, die in ihrem natürlichen Lebensraum vom Aussterben bedroht sind. Katharina Herrmann hat viele Jahre für den Europäischen Zooverband EAZA gearbeitet und ist inzwischen Artenschutzkoordinatorin in Zoo und Tierpark Berlin. Sie gibt uns einen Einblick in die Arbeit moderner Zoos im Bereich des Artenschutzes, erklärt, welchen Beitrag der Tierpark Berlin hier bisher geleistet hat und wo die Reise in Zukunft hingehen wird.

Frau Herrmann, wie hat sich die Bedeutung des Themas Artenschutz in den vergangenen 65 Jahren in Zoos verändert?

Zoos nehmen als Natur- und Artenschutzzentren seit jeher eine wichtige Position ein. Die Rolle von Zoos zum Thema Arterhalt bekam in den 1970er Jahren jedoch eine völlig neue Bedeutung.  

Angesichts des dramatischen Rückgangs vieler Tierarten durch Wilderei und Handel trat 1973 das Washingtoner Artenschutzübereinkommen in Kraft. Seitdem darf der Handel bedrohter Tierarten nur dann stattfinden, wenn dieser die Population der Tiere im natürlichen Lebensraum nicht gefährdet.  

Dies sorgte dafür, dass wenn Zoos gesunde Tierpopulationen weiterhin zeigen wollen, es notwendig ist, die Zucht und die allgemeine Haltung von Tierarten zu verbessern. Aus diesem Wandel im Denken resultierte 1985 die Entstehung der ersten 19 Erhaltungszuchtprogramme (EEP) und eine seither stetige Bemühung, die Tieranlagen nach einem möglichst originalgetreuen Abbild des natürlichen Lebensraumes darzustellen.

Wo vorher Tiere zwischen Zoos ausgetauscht wurden, um die Bedürfnisse einer einzelnen Einrichtung zu befriedigen, werden EEPs mit Augenmerk auf dem Aufbau und Erhalt einer genetisch und demographisch gesunden Population außerdem des natürlichen Lebensraumes geführt. Aktuell gibt es mehr als 400 Erhaltungszuchtprogramme im Rahmen derer Einrichtungen wie auch der Tierpark Berlin international vernetzt sind und eng zusammenarbeiten. 

 

Außer dem Arterhalt außerhalb der natürlichen Lebensräume der Tiere (ex-situ), engagieren sich viele Zoos heutzutage auch im natürlichen Lebensraum (in-situ). Sie agieren direkt vor Ort und versuchen den Ursachen für den Rückgang der Population im natürlichen Lebensraum entgegen zu wirken. Somit schützen Zoos heute nicht nur einzelne Tierarten, sondern oft sogar ganze Ökosysteme.

Wie sah die Entwicklung im Tierpark Berlin aus? Welche Meilensteine gab es?

Seit seiner Gründung 1955 engagiert sich der Tierpark Berlin für den Schutz bedrohter Tierarten und deren Lebensräume. Momente auf die er stolz zurückblicken kann, gibt es viele. Von der Ankunft der ersten Wisente 1955, über die gelungene Welterstzucht des Großen Soldatenaras 1972, bis hin zur erneuten Auswilderung von Przewalskipferden 2019. Die Przewalskipferde galten seit 1969 in der Natur als ausgestorben. Dank internationaler Zusammenarbeit gelang Zoologischen Gärten mittels Zucht die Wiederansiedlung mehrerer Populationen in China und der Mongolei, dem natürlichen Lebensraum der Wildpferde.  Der Tierpark Berlin hat seit 1985 mit mehr als 17 Wildpferden zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen und wir sich auch in Zukunft aktiv am Wiederaufbau der Wildpferdpopulation beteiligen.

Welche Tierarten im Tierpark sind am stärksten bedroht?

Es lohnt sich immer einen Blick auf die Tierschilder zu werfen und so mehr über die Tierarten und auch ihre Bedrohung zu erfahren. Denn: Ein zunehmender Teil der im Tierpark gehaltenen Tierarten ist bedroht. Hierzu zählen zum einen bekannte Tierarten wie Eisbären, die Sumatra-Tiger und die Brillenpinguine. Aber vor allem unter den vielen Besuchern eher unbekannten Arten sind sehr viele akut bedroht, wie der Bergriedbock, die Somali-Wildesel oder die Omeihäherlinge.

Eine besondere Geschichte welche die Rolle von zoologischen Einrichtungen als Artenschutzzentren hervorhebt, ist die Geschichte der Säbelantilope. Die extreme Bejagung dieser Antilopenart mit ihren markanten langen Hörnern, hat dazu geführt, dass sie im Jahr 2000 in der Natur offiziell als ausgestorben galt. Glücklicherweise gab es noch eine kleine Population in Zoos. Dank dieser Tiere konnte durch eine weltweit koordinierte Zucht eine stabile und genetisch diverse ex-situ Population aufgebaut und so Tiere für die Wiederansiedlung im natürlichen Lebensraum bereitgestellt werden.

Was hat sich in den vergangenen 65 Jahren bei der Auswahl und Zusammenstellung des Tierbestands am meisten verändert?

Die Zusammensetzung eines Tierbestandes und die Haltung von Wildtieren in einem Zoologischen Garten sind nie statisch. Beides ist wie die Tiere selbst ein lebender Organismus und unterliegt einer ständigen Weiterentwicklung. Basierend auf den anfangs genannten Aufgaben, setzen sich Tierbestände in wissenschaftlich arbeitenden und in internationalen Verbänden organisierten Zoos heute entsprechend ihrer Ziele im Bereich Umweltbildung und Artenschutz zusammen. Es geht nicht mehr darum, möglichst viele Tierarten zu zeigen. Die bei uns in möglichst naturnah gestalteten Ersatzlebensräumen lebenden Tiere sind Botschafter für bedrohte Ökosysteme. Die koordinierte Erhaltungszucht ist ein Weg zum Schutz von bedrohten Tierarten. Konkret bedeutet das: Der Schwerpunkt im Tierbestand wird sich, mit zunehmendem Druck auf Wildtiere in der Natur, noch stärker als bisher auf gefährdete bis hin zu vom Aussterben bedrohte Tierarten konzentrieren. Die Haltungsbedingungen werden dabei kontinuierlich überprüft und wenn wir den Tieren im Tierpark keine artgemäße Haltung (mehr) bieten können, werden wir sie nicht mehr halten. Das war Anfang der 1990ger die Grundlage für die Entscheidung, die Haltung von großen Menschenaffen wie Flachlandgorillas und Sumatra-Orang-Utans sowie Robben im Tierpark zu beenden. Aus demselben Grund haben wir uns 2016 dazu entschieden, die Haltung von Löwen und Jaguaren vorrübergehend aufzugeben. Und deshalb werden wir zukünftig auch nur noch eine der beiden Arten von Elefanten im Tierpark halten.

Bei welchen Tierarten engagiert sich der Tierpark am stärksten? Wofür ist er bekannt?

In der Zoowelt ist der Tierpark Berlin für die Haltung und erfolgreiche Zucht von einer Reihe von Tierarten bekannt. Beispiele wären hier zum einen der Wisent - nicht zu verwechseln mit dem Amerikanischen Bison. Er wurde 1927 durch den Menschen gänzlich ausgerottet. Nur Dank etwa 70 Tieren in der Obhut zoologischer Einrichtungen, konnte diese Tierart vor dem endgültigen Aussterben gerettet werden. Um das weitere Überleben der Art zu sichern, beteiligen sich Zoologische Einrichtungen weltweit am Wiederaufbau der Population durch Zucht und Wiederansiedlung des Wisent im natürlichen Lebensraum. Bis heute wurden in den Zoologischen Gärten Berlin über 200 Wisente geboren. 


Außerdem ist der Tierpark bekannt für seine Takine. Bereits seit 1974 leben Mishmi-Takine im Tierpark und das sogar erstmalig in Europa! Seit der ersten Geburt 1980, die gleichzeitig die Welterstzucht außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets der Tierart war, sind Mishmi-Takine nicht mehr aus dem Tierpark wegzudenken. So kamen hier bis heute über 100 Jungtiere dieser gefährdeten Tierart zur Welt und wir feiern dieses Jahr das 40-jährige Jubiläum der Mishmitakin-Zucht. Unsere Berliner Takine sind dank unserer erfolgreichen Haltung in zoologischen Einrichtungen auf der ganzen Welt zu finden. 

Der Somali-Wildesel, der ein wenig so aussieht als wäre er eine Kreuzung aus Pferd und Zebra, ist in Wirklichkeit die einzige heute noch lebende Unterart des Afrikanischen Wildesels, von denen auch unsere Hausesel abstammen. Er gilt als die seltenste Pferdeart der Welt. Da der Bestand im natürlichen Lebensraum immer stärker abnimmt, wird die in Zoos gehaltene Reservepopulation immer wichtiger. Der Tierpark Berlin erhielt seine ersten Tiere 1976 aus dem Wildschutzreservat Hai-Bar in Israel. Seitdem kamen im Tierpark mehr als 70 Somali-Wildesel zur Welt. Jeder einzelnen von ihnen ist ein wichtiger Botschafter seiner Art. 


Bereits seit 1956 leben Sumatra-Tiger im Tierpark Berlin. Der Sumatra-Tiger zählt zu den am stärksten bedrohten Großkatzen der Erde. Bisher erblickten 123 Jungtiere der seltenen Großkatze das Licht der Welt hier im Tierpark Berlin. Zum Vergleich: In den Regenwäldern Sumatras sind heute nur noch 350 bis 450 Sumatra-Tiger zu finden.

Wie wird sich das Artenschutzengagement zukünftig entwickeln?

Wie schon seit seiner Gründung vor 65 Jahren wird der Tierpark Berlin sein Engagement im Artenschutz stetig weiter ausbauen und für einige Tierarten vertiefen. Wir werden uns auch in Zukunft aktiv an der Wiederansiedlung des Bartgeiers in Europa beteiligen, jungen Marmelenten bei ihrem ersten Freiflug eine helfende Hand bieten, den aktuellen Standort unserer kürzlich ausgewilderten Wisente via GPS verfolgen und die Entwicklung der Population der Massai-Giraffe in Tansania durch Feldarbeit weiter genausten im Auge behalten. Das ist aber bei Weitem noch nicht alles. Der Schutz gefährdeter Tierarten kann nur durch eine enge Vernetzung von in situ- und ex situ-Artenschutz erfolgen. Dazu gehört der Schutz und Erhalt der natürlichen Lebensräume (in-situ), genauso wie der Aufbau gesunder und diverser Populationen. Wir werden daher in Zukunft unser in-situ-Engagement weiter ausweiten und Artenschutzprojekten unsere Expertise gezielt direkt vor Ort zur Verfügung stellen.

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