Die Auserwählten - Oder: Warum in Afrika die Pinguine klein und die Elefantenohren groß sind

Atlashirsch, Bawean-Hirsch, Davidshirsch, Hinterindischer Pferdehirsch, Mesopotamischer Damhirsch, Ostchinesischer Schopfhirsch...  Manchmal fragt sich der Besucher, warum der Tierpark verschiedene Arten und Unterarten von Tieren hält, die für ihn auf den ersten Blick alle recht gleich aussehen. Wir haben den Zoologischen Leiter Christian Kern gebeten, uns einen kleinen Einblick in die Auswahlkriterien von Tierarten zu geben. Er erklärt uns außerdem, was wir von diesen Tieren lernen können.

Herr Kern, zu Ihren Lieblingstieren gehören unter anderem auch die Takine, von denen der Tierpark als einziger gleich alle drei in Zoos anzutreffenden Arten hält. Würde eine Art nicht genügen?
Eines der Auswahlkriterien für die Tierarten, die wir bei uns halten ist ihr Bedrohungsstatus. Die Aufgabe von Zoologischen Gärten wird oft anhand der Metapher der Arche erklärt, auf der vor allem die vom Aussterben bedrohten Tiere Zuflucht finden sollen. Die Gold-, Sichuan- und Mishmi-Takine sind - laut Roter Liste der IUCN -  alle drei gefährdet. Die IUCN berücksichtigt bei der Beurteilung der Bedrohung aber nicht nur Arten, sondern gerade bei Säugetieren in einigen Fällen auch Unterarten. So wird das nördliche Breitmaulnashorn beispielsweise sehr bald für ausgestorben erklärt werden, während der Bestand des südlichen Breitmaulnashorns derzeit „nur“ potenziell gefährdet ist.

Aber Zoos haben doch auch einen Bildungsauftrag, ist es da nicht besser, den Menschen so viele verschiedene Tiere wie möglich zu zeigen?
Nicht unbedingt. Die Anpassung der Tiere an ihren Lebensraum spielt eine wichtige Rolle in all unseren Informationsangeboten. Bei diesem Thema gibt es bestimmte Aspekte, die man viel besser erklären kann, wenn man die unterschiedlichen Vertreter einer Gattung oder Art im Vergleich sehen kann. Dass Eisbären viel größer sind als Malaienbären und Sibirische Tiger deutlich kräftiger als Sumatra-Tiger, lässt sich beispielsweise durch die Bergmannsche Regel erklären. Der deutsche Arzt und Zoologe Carl Bergmann hat 1847 entdeckt, dass es einen Zusammenhang zwischen den Klimazonen und der Körpergröße von Tieren gibt. In kälteren Gebieten sind die Individuen von nah miteinander verwandten Arten tendenziell größer, als ihre "Cousins" in den Tropen. Beobachtet hat er das an Pinguinen. Die größte Art - der Kaiserpinguin - lebt in den Antarktis, die kleinste – der Zwergpinguin – in Australien. Auch die in Afrika lebenden Brillenpinguine sind nicht viel größer.

Und warum ändert sich die Körpergröße in Abhängigkeit von der Temperatur?
Man vermutet, dass es sich hierbei um eine evolutionäre Anpassung handelt. Je größer ein Tier, umso kleiner ist seine Körperoberfläche im Verhältnis zu seinem Volumen. Dadurch ist ihr Wärmeverlust geringer, als bei Tieren, dessen Körperoberfläche größer ist im Verhältnis zum Volumen.

Das klingt sehr kompliziert...
Eigentlich ist es aber ganz logisch. Im Inneren seines Körpers produziert ein gleichwarmes Tier - also ein Säugetier oder Vogel - ständig Wärme, um die Körpertemperatur konstant zu halten. Je größer und voluminöser diese "Heizung", umso mehr Wärme kann sie produzieren. Gleichzeitig gibt die Oberfläche Wärme ab. Je kleiner die Oberfläche, umso geringer also der Wärmeverlust. Optimal gerüstet für eine kalte Region, ist also ein Tier mit möglichst großer Heizung und möglichst kleiner Oberfläche.
Ein anderes Beispiel: Wer darauf achtet, Verpackungsmüll einzusparen, weiß schon lange, dass wir bei größeren Objekten mehr Inhalt und vergleichsweise weniger Hülle haben. Das heißt, 1 kg Zucker in einer großen Tüte zu kaufen, verursacht weniger Müll, als 200 kleine Zuckertütchen zu benutzen.

Ok, das klingt einleuchtend. Aber wie passt da der Afrikanische Elefant ins Bild? Ein so großes Tier in so heißen Gebieten ist dann ja völlig kontraproduktiv.
Zum einen beziehen sich die Beobachtungen von Bergmann auf Tiere aus eng verwandten Arten oder Unterarten, die in unterschiedlichen Klimazonen leben - wie Tiger oder Pinguine. Zum anderen gibt es von jeder Regel immer auch Ausnahmen. Am Beispiel des Elefanten kann man aber sehr gut etwas anderes erklären: Der amerikanische Zoologe Joel Asaph Allen hat 1877 beobachtet, dass bei verwandten Säugetierarten die Körperanhänge wie Schwanz oder Ohren größer werden, je wärmer ihr Lebensraum ist. So kann der Afrikanische Elefant über die große Oberfläche seiner Ohren viel mehr Körperwärme abgeben, als das - bereits ausgestorbene - Mammut, das in kalten Regionen gelebt hat. Seine vergleichsweise winzigen Ohren schützten es vor zu großem Energieverlust. Gleiches gilt für die Ohren des Polarfuchses, die deutlich kleiner sind, als die Ohren des Wüstenfuchses. Um diese Regeln zu verstehen muss man nicht einmal Biologe sein. Wer sich noch an den Mathematik- oder Physikunterricht in der Schule erinnern kann, hat vielleicht noch dunkel in Erinnerung, dass eine Kugel der Körper mit der kleinsten Oberfläche im Verhältnis zu ihrem Volumen ist. Als ganz kleine Eselsbrücke kann man sich also merken: Je kälter der Lebensraum, umso kugeliger werden die Tiere!

Das kann man sich gut merken, vielen Dank für das spannende Gespräch!

Kommentar verfassen

* Pflichtangaben

Kommentare

Keine Kommentare