Ein Pass für den Jaguar

Wenn man eine Reise tut…

…dann kann man was erleben. Für den Artenschutz reisen seltene Tiere regelmäßig um die Welt, um zum Erhalt ihrer Art beizutragen. „Sex-Tourismus“ nennen es die einen, „Erhaltungszucht“ die anderen.

Ein Blick hinter die Kulissen

Wie so eine Reise von statten geht und welche sorgfältigen Planungen im Vorfeld dafür nötig sind, damit am großen Tag alles wie am Schnürchen läuft, wollen wir hier genauer erklären. Als Beispiel dienen hierfür unsere beiden Jaguare Anafi und Tipito, deren Umzug nach Südamerika wir hier einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Warum ziehen die Jaguare um?

Das 1963 erbaute Alfred-Brehm-Haus war das größte und modernste Raubtierhaus der damaligen Zeit – inzwischen steht es unter Denkmalschutz. Ein Umbau ist dringend notwendig, da auch ein Gutachten zur Haltung von Säugetieren festgestellt hat, dass das historische Gebäude den dort lebenden Großkatzen keine zeitgemäße Unterkunft mehr bieten kann. Die Vorbereitungen für den Umbau laufen auf Hochtouren.

Baumaßnahmen brauchen Platz

Der Baubeginn ist für Anfang 2017 geplant. Bevor die Bauarbeiten richtig starten können, muss dafür zunächst jedoch ein Teil der bisherigen Bewohner ausquartiert werden. Weil sie nicht nur übergangsweise in einem anderen Zoo untergebracht werden sollen, müssen die Koordinatoren der jeweiligen Erhaltungszuchtprogramme einen geeigneten Ort für die Großkatzen finden, um sicherzustellen, dass sie artgerecht untergebraucht werden und sie auch zukünftig einen Beitrag zur Erhaltung ihrer bedrohten Art leisten können. So suchte der Tierpark bereits seit 2015 für das Jaguar-Pärchen ein neues, geeignetes Zuhause. Eine erste Anlaufstelle ist hier das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Jaguare, der Koordinator für das Zuchtbuch sitzt im Chester Zoo in England.

Blick über den europäischen Tellerrand

Doch über das europäische Netzwerk konnte für Tipito und Anafi kein passendes Zuhause gefunden werden. Deshalb streckten die Kuratoren über die Grenzen des Kontinents hinweg ihre Fühler aus und suchten jenseits des Atlantischen Ozeans nach einem neuen Heim für die beiden Jaguare. Die Möglichkeiten auf der anderen Seite des großen Teichs waren vielversprechender und nach intensiven Gesprächen mit verschiedenen amerikanischen Kollegen haben sich die Kuratoren und Pfleger im Tierpark Berlin für den Nationalzoo Santiago de Chile entschieden.

Zu Besuch in Südamerika

Im Dezember 2015 stattete der, für Raubkatzen zuständige, Kurator Christian Kern, während einer privaten Südamerika-Reise dem Nationalzoo einen Besuch ab, um sich persönlich einen Eindruck von der Großkatzenhaltung vor Ort zu verschaffen. „Uns war wichtig, dass beide als Paar in ihrem neuen Zuhause weiterhin zusammenleben können“, berichtet er. Parallel zu den Gesprächen mit den südamerikanischen Kollegen, wurde die Entscheidung über das neue Zuhause von Tipito und Anafi mit dem Jaguar-EEP besprochen, da beide Tiere mit diesem Umzug das europäische Erhaltungszuchtprogramm verlassen würden. Dann endlich steht es fest: Anafi und Tipito werden Südamerikaner.

Die Suche endet – Der Papierkrieg beginnt

Nachdem die finale Entscheidung gemeinsam getroffen war, begannen die Reisevorbereitungen. Mit Kofferpacken und Flugbuchen ist es bei den meisten Überseereisen nicht getan. Für viele Länder sind außerdem die Beantragung eines Visums und besondere Schutzimpfungen notwendig. Was bei Menschen oft schon recht viel Zeit in Anspruch nehmen kann, ist bei Tieren ein noch komplizierteres Verfahren. Wer schon einmal mit seinem Vierbeiner auf einen anderen Kontinent gezogen ist oder ihn auch nur außerhalb Europas mit in den Urlaub nehmen wollte, hat vermutlich bereits mit Quarantäne und anderen Vorschriften Erfahrung gesammelt. Steht das Tier auch noch auf der Liste der gefährdeten Arten, kommt noch viel mehr Papierkram ins Spiel: CITES.

Das Washingtoner Artenschutzabkommen

CITES steht für die „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora” oder zu Deutsch „das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen“. Auch wenn dieses Abkommen für den Transport von Zootieren eine Hürde mehr bedeutet, gehört die Unterzeichnung im Jahr 1973 in Washington zu den großen Erfolgen für den Artenschutz und ist ein Meilenstein der internationalen Zoogeschichte. Als Teil des Umweltprogramms der Vereinten Nationen soll dieses Abkommen weltweit den illegalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten eindämmen und ist somit auch ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Wilderei. Nicht nur tierische Produkte aus Elfenbein oder Holz fallen unter das Abkommen, auch der Transport von präparierten und lebendigen Tieren unterliegt strengen Auflagen.

Der Reisepass für gefährdete Tierarten

Im Rahmen des CITES wurden so zunächst die deutsche Ausfuhr sowie die chilenische Einfuhr mit bei den jeweiligen Naturschutzbehörden des Landes beantragt. Dieser Papiere werden bei der Aus- und Einreise vom Zoll kontrolliert – ganz wie die Passkontrolle bei menschlichen Passgieren. Bei falschen oder fehlenden Papieren hätte die Reise von Anafi und Tipito geendet, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Gesundheitscheck: Ab zum Onkel Doktor

Zeitgleich mit den CITES-Papieren wurde das Gesundheitszeugnis der chilenischen Veterinärbehörde mit der Berliner Senatsverwaltung und dem Amtstierarzt von Berlin-Lichtenberg besprochen und modifiziert. So ein Prozess kann durchaus einige Monate dauern, bis ein vollständiges Gesundheitszeugniss mit den entsprechenden Tests von beiden Seiten ausgearbeitet und akzeptiert wird. Nachdem die spezifischen Veterinäranforderungen bekannt waren, wurden innerhalb der vierwöchigen Ausfuhrquarantäne im Tierpark alle angeforderten Tests durchgeführt. Dabei wurde unter anderem unter Narkose Blut von den Tieren abgenommen und die Testergebnisse wurden vor Abflug per E-Mail nach Chile geschickt.

Transportbox in Maßanfertigung

Während der Gesundheits-Check-Ups wurden bereits die Transportkisten für die beiden Jaguare maßgeschneidert. Dabei orientierte sich die Größe und Ausstattung nicht nur an den beiden Tieren selbst. Der internationale Regel-Marathon ist bei weitem noch nicht beendet. Denn auch die Richtlinien der internationalen Vereinigung der Fluggesellschaffen – genannt IATA – mussten beim Bau der Transportboxen berücksichtigt werden.

Als alle Auflagen erfüllt und sämtlich Dokumente – von Tier und Pflegerin – beisammen waren, konnten endlich die Flüge für Anafi, Tipito und ihre Tierpflegerin Angelika Berkling gebucht werden. Zeitgleich wurden die beiden Jaguare von Frau Berkling bereits an die Transportbox gewöhnt, damit am Verladetag alles stressfrei ablaufen würde.

Timing ist alles

Endlich war der große Tag gekommen, auf den alle Beteiligten schon so lange hingearbeitet hatten: Am 19. Oktober um Punkt um 6 Uhr wurde mit dem Verladen begonnen, da der Transporter um Punkt 7 Uhr im Tierpark losfahren musste, damit die Reisegruppe den Flug von Amsterdam aus am Abend würde antreten können. Während bei menschlichen Reisenden ein Eintreffen am Flughafen rund drei Stunden vor Abflug ausreicht, müssen Tiere – je nach Flughafen und Flug – etwa vier bis fünf Stunden vor Abflug vor Ort sein und einchecken.

  

Vom ihrem Südamerika-Abenteuer mit zwei Jaguaren im Gepäck berichtet uns Tierpflegerin Angelika Berkling in einem Interview.

Interview

 
Frau Berkling, Sie haben die Amurtiger Alisha und Dragan gerade erst nach Dartmoor begleitet, nun ging es für Sie schon wieder beruflich auf Reisen. Dieses Mal war die Reise allerdings ein bisschen weiter. War das Ihre erste Reise außerhalb des europäischen Kontinents oder waren Sie sogar schon einmal in Amerika?
Nach der Fahrt mit Alisha und Dragan nach England war die Reise mit den Jaguaren Anafi und Tipito nach Chile meine zweite Dienstreise. In Amerika war ich bisher noch nicht, nur mit dem Finger auf der Landkarte.
Wie kam es dazu, dass Sie die Jaguare begleitet haben? Haben Sie sich freiwillig gemeldet?
Da Jaguare die intelligentesten aller Großkatzen sind, war es sehr gut, die Tiere mit einer ihnen bekannten Begleitung in ihr neues zu Hause zu geben. Beide Tiere sind keine Jugendlichen mehr, d.h. sie sind „mit allen Wassern gewaschen“. Für die Fahrt und besonders für die Eingewöhnung solcher Tiere, ist es von Vorteil, wenn ein vertrauter Tierpfleger dabei ist. Deshalb war ich sehr dankbar, dass ich von unserem Kurator Herrn Kern gefragt wurde, ob ich die Tiere begleiten würde.
Wie ging es Ihnen kurz vor Abflug, waren Sie aufgeregt oder haben Sie inzwischen Routine im Reisen?
Aufgeregt war ich nicht. Anspannung und Aufregung überträgt sich auf die Tiere, besonders wenn man so ein enges Verhältnis hat, wie ich zu Anafi und Tipito.
Können sie uns die einzelnen Schritte des Transports beschreiben? Wie kann man sich so eine Reise für Tiere und Pfleger vorstellen?
Am Anfang stand für ca. 4 Wochen das "Laufgangtraining" auf dem Programm. So lernen die Tiere spielerisch den Weg zur Kiste kennen. Am Tag des Transports lief alles nach Plan und Uhr ab:
1. Zeitig am Morgen das „Einpacken“ der Tiere
2. Abfahrt mit Auto Richtung Flughafen Amsterdam
3. Unterwegs mehrmaliges kontrollieren der Tiere und tränken
4. Einchecken der Tiere am Nachmittag in Amsterdam
5. Nochmals tränken u. ein paar liebe Worte mit auf den Weg geben
6. Einchecken für mich
7. Ankunft in Santiago de Chile am nächsten Tag
8. Abholen der Tiere vom Frachthafen
9. Mit dem Auto quer durch Santiago zum Zoo
10. „Auspacken“ der Beiden in ihrem neuen zu Hause
Wie haben die Tiere reagiert? Auf den Bildern sehen die beiden recht entspannt aus. Wie eng war Ihr Kontakt zu den Tieren unterwegs?
Beide Jaguare waren recht ruhig. Mit lieben Worten und "kleinen Gaumenfreuden" hielt ich die Stimmung bis Amsterdam positiv aufrecht. Da die Jaguare dann in den Frachtraum des Flugzeugs verladen wurden, hatten wir erst in Santiago wieder Kontakt. Dort hielt sich die Freude über die Reise bei Beiden in Grenzen. Die Stimmung hellte sich erst wieder bei einem guten Happen Fleisch im Zoo auf.
Was hat Sie in Santiago erwartet? Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt und vom Zoo? Wie ist das neue Gehege der Beiden?
Santiago als Stadt erinnerte mich an Berlin – eben Großstadt. Aber wir haben nicht die grandiosen 4000 m hohen Berge um Berlin:)! Der Zoo ist klein, aber sehr liebevoll gestaltet. Das Jaguar-Gehege ist ganz neu für Anafi und Tipito umgebaut worden. Da der Zoo an einem Berghang liegt, ist auch die Gehegestruktur interessant. Innerhalb des Geheges hat man einen Höhenunterschied von 10 -12 m. Viele Klettermöglichkeiten sind dadurch eingebaut worden. Das Gehege erstreckt sich über drei Ebenen, mit Wasserbecken, Liegeflächen, Grünflächen und natürlichem Baumbewuchs – wirklich schön!
Wie lange waren Sie dort und was haben sie in diesen Tagen gemacht?
Ich durfte 5 Tage im Zoo bei der Eingewöhnung dabei sein, was für Anafi und Tipito, aber natürlich auch für mich, toll war. So ging ich alle Tage "auf Arbeit" und war für die Tiere und auch für die Pfleger immer erreichbar. Nach solch einem langen Transport ist z.B. das Zusammenlassen der Tiere nicht ganz ungefährlich. Wenn man die Tiere nicht kennt, dauert das evtl. Tage oder Wochen, ehe die fremden Pfleger sich da ran trauen. Sie müssen die Tiere ja erst mal kennen lernen. Da ich vor Ort war, ging z.B. das Zusammenlassen ganz einfach. Darüber waren die Zooleitung und die Pfleger sehr froh. Natürlich habe ich auch etwas von der Stadt gesehen, denn ich wurde sehr gut von allen Mitarbeitern des Zoos betreut.
Wie haben Sie sich mit den Pflegern unterhalten? Deutsch, Englisch, Spanisch?
Da ich Spanisch nicht spreche, haben wir uns in Englisch unterhalten. Eine der Tierärztinnen spricht fließend Deutsch, das war perfekt! Die Pfleger hatten für einen Nachmittag sogar eine ehemalige, deutsche Praktikantin engagiert, die für uns dolmetschte, da von den Pflegern die meisten nur Spanisch sprechen. So konnten sie ihre Fragen stellen und ich konnte alles über Anafi und Tipito erzählen. Das war super!
Das klingt wunderbar! Vielen Dank für die spannenden Einblicke in die Reise!

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Karin Kemal 01. Dezember 2016
Ein ganz interessanter Beitrag - sehr hilfreich.
Auch wenn ich es bedaure, dass die beiden Tiere nun nicht mehr im Tierpark sind, so freut es mich, dass sie ein so gutes zu Hause gefunden haben. Ich denke die Bedingungen dort sind besser als im Brehmhaus. Großen Respekt für die Organisation an Herrn Kern und die stets Superbetreuung an Frau Berkling.
Veronika Kraatz 29. November 2016
vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht, da fällt der Abschied von den Beiden für mich als langjährige Besucherin des Tierparks Berlin etwas leichter. Die Gehege für unsere Raubkatzen sind wirklich nicht gerade schön und groß. Viel Glück für die Zwei.

mit freundl. Gruß Frau v.Kraatz