Die Rückkehr der Wildpferde

Ein Vor-Ort-Bericht von Tierpark-Kurator Christian Kern zum Wiederansiedlungsprojekt in der Mongolei

Die Wiederansiedlung des ausgerotteten Przewalski- oder Urwildpferdes (Equus przewalskii) wird oft als eine der größten Erfolgsgeschichten bei der Erhaltung von Tierarten durch Zoologische Gärten genannt. Dass solche Projekte viel Geduld, Mut, Fachwissen und finanzielle Mittel erfordern, soll der folgende Beitrag zeigen. Tierpark-Kurator und Zoologe Christian Kern liebt es, in der Welt unterwegs zu sein, Lebensräume von Tieren zu erkunden und andere Kulturen kennenzulernen. Im Juli 2016 nahm er in seinem Urlaub an dem fünften Transport des Wiederansiedlungsprojektes „Return of the Wild horses“, organisiert vom Zoo Prag, teil und gewährt uns ganz persönliche Einblicke in sein Abenteuer in der Mongolei.

Hintergrund

 
Das Przewalskipferd galt seit Ende der 1960er Jahre als in freier Wildbahn ausgerottet. Die letzte Sichtung eines Wildpferdes gab es 1969 in der dschungarischen Gobi. Zum Glück überlebte die Art dank einer koordinierten Erhaltungszucht in Zoologischen Gärten in Europa, den USA und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Anfang der 1990er kam seitens der mongolischen Regierung der Wunsch auf, das Wildpferd wieder zurück in seine ursprüngliche Heimat zu bringen und in der Mongolei anzusiedeln. Es gab unterschiedliche Ansichten, ob dies in der Gobi B – einem Naturschutzgebiet am Rande der Wüste Gobi - im Süden des Landes oder mehr im Norden erfolgen sollte. Letztlich geschah beides. 1992 wurden im Hustai-Nationalpark, etwa 100 km westlich von der Hauptstadt Ulan Bator, die ersten Wildpferde wieder ausgewildert und erfolgreich angesiedelt. Es handelte sich dabei um Nachzuchten aus europäischen Zoos und dem Reservat Askania Nova (Ukraine). Im gleichen Jahr begann die Wiederansiedlung des Wildpferdes in der Gobi B im Südwesten des Landes, dem Bereich, in dem 1969 das letze Wildpferd gesichtet wurde. Am nordwestlichen Rand der Gobi B entstanden mehrere, große Eingewöhnungsgehege und eine Basisstation für die Wildhüter. Der Ort ist heute über die Grenzen der Mongolei hinaus als das Tachin-Tal bekannt. Die Gobi B ist im Gegensatz zur Gobi A eine Halbwüste, im Unterschied zur Grassteppe im Hustai-Nationalpark aber der extremere dieser beiden Lebensräume für das Wildpferd. Die Wiederansiedlung in der Gobi B erfolgte ebenfalls mit Nachzuchten aus europäischen Zoos. Diese Transporte erfolgten von 1992 bis 2001. Das operative Management des Schutzgebietes und die wissenschaftliche Betreuung des Projektes erfolgt durch die International Takhi Group (ITG). Ab 2001 wuchs die Gobi B-Population stetig an, bis 2009/2010 aufgrund eines außergewöhnlich strengen Winters mit einer kompakten über einen Meter hohen Schneedecke der Bestand von 137 auf 49 Tiere zusammenbrach. Damit sich die Population wieder erholen und auch die genetische Diversität der Population wieder erhöht werden kann, entschied der Zoo Prag zusammen mit der ITG, erneut Wildpferde aus Europa in die Gobi B zu transportieren. Seit 2011 organisiert und finanziert der Zoo Prag in Kooperation mit dem tschechischen Militär, dass jährlich im Juni/Juli vier Wildpferde ins Tachin-Tal geflogen werden. Der Erfolg dieses Projektes ist deutlich spürbar – nach fünf Jahren liegt der Bestand aktuell wieder bei etwas mehr als 160 Wildpferden in der Gobi B.

In diesem Sommer fand zum fünften Mal ein Transport von vier Wildpferden aus dem Zoo Prag in das Naturschutzgebiet „Gobi B“ in der Mongolei statt. Die Tiere wurden vom Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) ausgesucht und stammen aus verschiedenen europäischen Zoos, ihre Quarantäne erfolgte im Zoo Prag. Zusätzlich sollen zum ersten Mal seit 2007 auch bereits wildgeborene Wildpferde innerhalb der Mongolei vom Hustai-Nationalpark in die Gobi B umgesiedelt werden.

Militär-Eskorte für die wertvollen Huftiere

Was hier vermeintlich einfach klingt, ist tatsächlich außerordentlich aufwendig. Da in einem tschechischen Militärflugzeug nur eine begrenzte Ladekapazität vorhanden ist, begann meine eigene Reise bereits einige Tage vor der Ankunft der Pferde. Und so ging es am 7. Juli mit dem Flugzeug von Berlin via München und Peking nach Ulan Bator. Nach fast drei Tagen Aufenthalt in der Hauptstadt traf ich meinen Kollegen, den zoologischen Leiter des Zoos Prag. Anschließend fuhren wir zusammen direkt vom Flughafen in den Nationalpark Hustai, um dort die bereits für den Transport vorbereiteten Wildpferde zu begutachten, die Befahrbarkeit von Fahrtrouten mit den LKWs zu prüfen und um logistische Details und Entscheidungen vor Ort zu treffen. Eines fiel mir in den Steppen von Hustai besonders auf oder besser stieg mir in die Nase: ein intensiver Geruch nach Kräutern. Zurück in Ulan Bator ging es am frühen Morgen des nächsten Tages mit einer kleinen Fokker-Maschine in drei Stunden Flugzeit von Ulan Bator nach Khvod, der größten Stadt in der Westmongolei. In Khovd galt es, weitere Mitarbeiter des Zoos Prag zu treffen, Proviant und Wasser für den Aufenthalt im Tachin-Tal und der Gobi B einzukaufen.

Wiedersehen mit der Berlinerin Barca?

Die Strecke von Khovd ins Tachin-Tal am Rande der Gobi B beträgt etwa 430 km und führt zum Teil durch die Ausleger des Altai-Gebirges. Auf diesem Weg konnte ich meine ersten Daurischen Pfeifhasen und Haustrampeltiere in freier Wildbahn sehen! Am Abend trafen wir in der Basisstation der Ranger ein. Dort nahm uns der Direktor des Schutzgebietes Gobi B in Empfang. Ein überaus liebenswerter und authentischer Kollege. Der in der Gobi B geborene Biologe kann nicht nur alle seine Wildpferde in freier Wildbahn unterscheiden (!), nein, er kennt auch alle beim Namen. Das traf auch auf die 2009 im Tierpark Berlin geborenen Barca zu, welche 2013 von Berlin via Prag in die Gobi B umgesiedelt wurde. Seit Sommer 2014 lebt diese Stute wild mit ihrem Harem in der Gobi B. Allein das war für mich Grund genug, diesen Lebensraum zu besuchen. Um es vorweg zu nehmen: ich traf nicht auf Barca, sie lebt in einer besonders scheuen und schwierig zu findenden Herde. Meinen Prager Kollegen gelang es aber nach meiner Abreise, Barca dann doch noch zu sehen und mir ein Bild zu schicken. Doch zurück zum Begrüßungsabend im Tachin Tal: Natürlich werden Gäste traditionell mit Willkommensreden, einem guten Essen und Wodka begrüßt. In der Nacht schliefen wir - wie in allen Nächten im Tachin-Tal – im Zelt, welches in der Mongolei übrigens nicht Jurte sondern Ger genannt wird. Fließend Wasser und Wifi standen dabei nicht zur Diskussion – allein der Gedanke daran löste Gelächter aus. Die wunderschöne Landschaft – und auch hier wieder der Geruch von Kräutern wie Kamille und Beifuß – der strahlend blaue Himmel sowie die Farben- und Lichtspiele in den unendlichen Weiten der Gobi B entschädigen für alles. Ich muss gestehen, dass die Gobi B ganz sicher zu einem der schönsten Orte gehört, die ich bisher auf meinen Reisen sehen konnte.

Vorbereitung ist alles

In den folgenden zwei Tagen bereiteten wir die Ankunft der vier europäischen Wildpferde aus Prag vor. So prüften wir die Zäune der Eingewöhnungsgehege auf Schäden und Standfestigkeit. Ferner fuhren wir nach Bulgan, einer Kleinstadt nahe der chinesischen Grenze, die einen kleinen Flugplatz mit einer Start- bzw. Landebahn besitzt. Das ist zugleich die dem Tachin-Tal am nächsten gelegene Landemöglichkeit für die tschechische Militärmaschine. Dort trafen wir Absprachen mit dem Flughafenpersonal, überprüften zusammen mit dem vorausgereisten Navigator der tschechischen Air Force den Tower und die Landebahn. Außerdem wurden die LKWs für den Straßentransport von Bulgan ins Tachin-Tal geprüft. Jeder vermeidbare Fehler musste ausgeschlossen werden, um riskante Verzögerungen des Transportes der Tiere zu vermeiden. Die vier Transportkisten sollten auf zwei Lastwagen aufgeteilt werden, damit wir schneller fahren konnten. Zur Sicherheit wurde ein dritter Lastwagen angemietet. Er sollte beim Ausfallen einer der beiden Lastwagen einspringen und begleite uns daher vom Flugplatz Bulgan bis ins Tachin-Tal. Ein Risikofaktor war nicht von uns beeinflussbar: das Wetter. Die Landung in Bulgan erfolgt allein auf Sicht, zu tief an den Bergen hängende Wolken hätten die Landung der Maschine unmöglich gemacht und sie hätte nach Khvod ausweichen müssen. Zu hohe Temperaturen wären schlecht für die Wildpferde in den Transportkisten gewesen und Regen hätte die Straßen in Schlammpisten verwandelt.

Wildpferde im Anflug

Am 17. Juli war es soweit: das Militärflugzeug des Typs CASA landete gegen 16 Uhr Ortszeit in Bulgan. Das Wetter war perfekt, der Himmel blau, die Temperaturen gut und die Straßen trocken. Nachdem die zoll- und amtstierärztliche Abfertigung direkt auf dem Flugplatz erledigt worden war, wurden alle vier Transportkisten aus dem Flugzeug auf die Lastwagen verladen. Die Tiere wurden vom Direktor, Tierarzt, Huftierkurator und Oberpfleger des Zoos Prag begleitet und versorgt. Allesamt besitzen jahrelange Erfahrungen mit solch ungewöhnlichen Transporten. Nun hieß es auf schnellstem Weg ins Tachin-Tal zu fahren. Auf schnellstem Weg bedeutete in diesem Fall: 6,5 Stunden! Unterwegs gab es mehrere Stopps, um die Tiere mit Wasser und Heu zu versorgen, was auch beides angenommen wurde.

Rückkehr in die Heimat

Vor allem die Fahrt der gesamten Kolonne, bestehend aus drei Last- und fünf Geländewagen, in den Sonnenuntergang der Gobi B bleibt dabei für mich unvergesslich. Vielleicht ist es sentimental, aber wenn man den oben beschriebenen Hintergrund des Przewalskipferdes in der Mongolei kennt, ist es in der Tat wie ein nach Hause kommen für diese Tierart. Es macht mich schon ein wenig stolz, ein Teil davon sein zu dürfen, auch mit dem Wissen, dass der Tierpark Berlin bereits 17 eigene Wildpferde für dieses und andere Projekte in China und der Mongolei zur Verfügung gestellt hat und dies auch weiterhin tun wird. Gegen 23 Uhr erreichten wir das Tachin-Tal. Alle vier Transportkisten wurden im Eingewöhnungsgehege nebeneinander aufgestellt und die Schieber geöffnet. Die Tiere betraten zum ersten Mal mongolischen Boden – einige rannten, andere wiederrum liefen ohne große Aufregung aus ihren Kisten. Das Wichtigste: Die Wildpferde sind wohlbehalten und sicher am Ziel angekommen. Bis zum nächsten Sommer bleiben sie in ihren Eingewöhnungsgehen, um sich kontrolliert an das für sie neue und extreme Klima, neue Futterpflanzen sowie Parasiten gewöhnen zu können.

Verstärkung aus Nordost: Umzug der wilden Verwandten

Am Folgetag blieben wir – bis auf zwei kleinere Exkursionen in die Gobi B – zum Ausruhen im Basislager, bevor es am darauffolgenden Tag wieder nach Bulgan ging, um von dort einen Tag später mit der Militärmaschine und den leeren Transportkisten nach Ulan Bator zu fliegen. Weiter ging es direkt in den Nationalpark Hustai, wo wir am Abend die Narkosegewehre testeten und der Prager Kollege und Tierarzt die Narkosepfeile sowie seine mobile Apotheke für die anstehende Verladung präparierte. Am nächsten Morgen hieß es ganz zeitig aufstehen. Für 4:30 Uhr war die Abreise aus dem Camp angesagt, um bei Sonnenaufgang mit dem Verladen der vier Wildpferde zu beginnen. Um die wildgeborenen Tiere nicht unnötig zu beunruhigen, durfte nur ein kleines Team mit dem Tierarzt direkt an die Gehege, wo die Tiere die letzten Wochen darauf trainiert wurden, sich in den Absperrgehegen aufzuhalten. Die vier Pferde wurden nacheinander in Narkose gelegt und in ihren Transportkisten wieder aufgeweckt. Einen der drei Lastwagen begleitete ich dabei als Beifahrer und war in diesem Fall für den einzigen Hengst namens Hustai verantwortlich. Das bedeutete regelmäßige Kontrollen, ob das Tier ordnungsgemäß steht und das Nachfüllen von Wasser auf die Filzmatten, die sich auf den Kistendecken befanden, um die Temperaturen in den Kisten herunter zu kühlen. Nach über zwei Stunden Fahrt durch die Steppe erhielten wir für unseren Weg durch die Hauptstadt eine Polizeieskorte, um durch den üblichen und ständigen Stau schnellstmöglich zum Flughafen von Ulan Bator zu gelangen. Am Nachmittag hob das Militärflugzeug mit den vier Wildpferden aus dem Hustai-Nationalpark ab und landete wiederum drei Stunden später in Bulgan, um von dort den gewohnten Weg ins Tachin-Tal anzutreten!

Hoffnungsschimmer in der Mongolei

Allein im Jahr 2016 wurden bisher 26 Fohlen in der Gobi B geboren und acht neue Wildpferde (ein Hengst und 7 Stuten) verstärken nun die wildlebende Population des Takhis in der Gobi B.

In Kooperation zwischen dem Zoo Prag, dem EEP für Przewalskipferde und dem Tierpark Berlin wurde Anfang 2016 die 2014 im Tierpark Berlin geborene Stute Konni für dieses Wiederansiedlungsprojekt in der Gobi B ausgewählt. Bereits im April diesen Jahres reiste sie daher in den Zoo Prag und mit etwas Glück wird sie im Sommer 2017 in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren ...

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Sebastian Heinrichs 16. August 2016
Toll!